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Auf dem Weg zur Welt-Telephonie
Unter allen technischen Erfindungen des Menschengeistes ist wohl keine
andere so sehr geeignet, ein nachdenkendes Gemüt immer aufs neue mit staunender Bewunderung zu erfüllen, wie der Fernsprecher, der die schwache menschliche Stimme auf Dutzende und selbst auf
Hunderte von Kilometern deutlich vernehmbar macht. Es ist uns Kindern des zwanzigsten Jahrhunderts zwar eine ganz vertraute Sache, daß wir uns mit unseren Bekannten oder Verwandten
unterhalten, der in einem anderen Stadtteil, vielleicht auch in einer ganz anderen Stadt wohnt, und dennoch: ist es nicht wunderbar genug, daß mich ein kurzer Handgriff befähigt, meine Stimme
in stundenweiter Entfernung durchaus verständlich erklingen zu lassen, während in dem weiten Raum dazwischen niemand das geringste davon hört?
Durch die drahtlose Telegraphie und das auf ihr aufgebaute Radio ist
diese Wunder vervielfacht worden. Im Jahre 1887 prophezeite der amerikanische Schriftsteller Edward Bellamy, im Jahre 2000 würden die Menschen befähigt sein, bei sich zu Hause durch einen
einfachen Hebeldruck irgendein Konzert oder eine Theateraufführung mitanzuhören, wenn sie dazu Lust verspürten. Man hat damals den Kopf geschüttelt über eine derartig ausschweifende
Phantasie. Nun, und seit 1924 ist die Prophezeiung wortwörtlich in Erfüllung gegangen. So mag sich denn wohl auch ein anderer prophetischer Ausspruch verwirklichen, den der Physiker Ayrton im
Jahre 1889 tat, ja, zu einem ansehnlichen Teil ist selbst dieser Ausspruch schon Wirklichkeit geworden, und was noch fehlt kommt sicher in gar nicht ferner Zeit hinzu. Ayrton äußerte nämlich:
“Einst wird kommen der Tag, wenn wir alle vergessen sind, wenn Kupferdrähte, Guttaperchahüllen und Eisenband nur noch im Dunkel der Museen ruhen, da wird das Menschenkind, das mit dem Freund
zu sprechen wünscht und nicht weiß, wo er sich befindet, mit elektrischer Stimme rufen, die allein nur jener hört, der das gleichgestimmte elektrische Ohr besitzt. Er wird rufen: ‘Wo bist
Du?’ und die Antwort erklingen in sein Ohr: ‘Ich bin in der Tiefe des Bergwerks, auf dem Gipfel der Anden oder auf dem weiten Ozean’. Oder vielleicht wird auch keine Stimme antworten, und
dann weiß er: Sein Freund ist tot.”
Ganz so weit sind wir zurzeit noch nicht, aber im selben Jahr 1889, wo
Ayrton seine poetisch schöne Zukunftsphantasie zeichnete, entdeckte unser großer Heinrich Hertz (1857 bis 1894) die elektrische Wellenfortpflanzung durch die Atmosphäre, auf der sich die
gesamte drahtlose Telegraphie aufgebaut hat, und die “elektrische Stimme” und das “gleichgestimmte elektrische Ohr” (dieselbe Wellenlänge) sind seit Jahren bereits volle Wirklichkeit
geworden, auch die Möglichkeit, sich von Europa bis zum “Gipfel der Anden” ohne Kupferdraht und Guttaperchahüllen verständlich zu machen. Die drahtlosen Großstationen können ihre Botschaften
ohne Zwischenvermittlung bis zu den Antipoden melden, und im Jahre 1927 ist auch schon die erste öffentliche drahtlose Fernsprechverbindung über den Atlantischen Ozean, zwischen London und
Neuyork, dem Verkehr übergeben worden.
Die seit 1876 aufgekommene Drahttelephonie durch oberirdische Leitungen
und später durch unterirdische Kabel vermochte nur auf begrenzte Entfernungen eine Sprechverständigung zu ermöglichen. Erst im zwanzigsten Jahrhundert fand man Mittel und Wege, ohne allzuhohe
Kosten auch über größere Entfernungen und selbst über Randmeere hinweg einen Fernsprechverkehr zu ermöglichen. Das von Pupin erfundene System, in gewissen Abständen sogenannte
Selbstinduktionsspulen in die Drahtleitung einzuschalten, wodurch ihre Sprechfähigkeit bedeutend verbessert werden konnte, hat sowohl bei Luftleitungen wie unterirdischen Leitungen,
gelegentlich auch bei Seekabeln (durch den Bodensee) gute Dienste getan. Bei Seekabeln noch zweckmäßiger war aber ein von Krarup erfundenes System, durch spiralförmige Bewicklung des
Kupferleiters mit einem Metalldraht die Sprechübertragung zu verbessern. Zu diesen zwei Systemen, die beide mit Erfolg mannigfach angewendet worden sind, gesellte sich allmählich die
Verwendung der drahtlosen Telegraphie für Fernsprechzwecke.
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Das zweiundvierzig Kilometer lange, in einem Tank des Kabelschiffs gelagerte Kabel
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Heute haben sich die verschiedenen Systeme gewissermaßen ihre Wirkungsfelder gegeneinander abgegrenzt. Für Überlandverbindungen und weite Entfernungen verdient das mit
Pupinschen Induktionsspulen versehene unterirdische Kabel unbedingt den Vorzug; handelt es sich um die Überwindung kleinerer Meeresteile, so ist das Kararup-Kabel zumeist
angebracht; wen aber große Meere und ganze Ozeane oder auch sehr ausgedehnte unbewohnte Wüsten vom Fernsprecher überwunden werden sollen, so ist die drahtlose Telephonie am
zweckmäßigsten. Die letztere Form der eigentlichen Welttelephonie steckt noch in den Anfängen, in einem Versuchszustand;
abgesehen von der erwähnten Linie London-Neuyork und den im Jahre 1928 eröffneten Linien Deutschland-Nordamerika und Frankreich-Nordamerika ist noch keine drahtlose Verbindung über
den Ozean der öffentlichen Benutzung übergeben worden. Im November 1927 haben die Behörden sehr aussichtsreiche Probegespräche zwischen Hamburg und Buenos Aires geführt, die
allerdings nur einseitig von Europa nach Amerika stattfinden konnten, da Argentinien noch keine hinreichend kräftigen Sendeapparate besaß, um antworten zu können. Aus den begeisterten
Berichten südamerikanischer Zeitungen und aus privaten Meldungen ging aber hervor, aß dieser erste Versuch einer Telefonie über fast zwölftausend Kilometer überraschend gut gelungen ist
und daß in Buenos Aires die Stimme des Hamburger Sprechers so gut zu vernehmen war, als stände er im Nebenraum. Es kann demnach kaum noch bezweifelt werden, daß es in ganz
wenigen Jahren möglich sein wird, über die Ozeane hinweg zu telephonieren. Technisch ist das Problem bereits heute gelöst; nur die wirtschaftliche Seite der Fragen Macht noch
Schwierigkeiten: wie soll sich die Anlage rentieren wie kann eine hinreichende Benutzung gesichert werden? Ein Dreiminutengespräch London-Neuyork kostete bisher rund dreihundert
Reichsmark, und im Tagesdurchschnitt finden nur sechs Gespräche über den Ozean statt. das reiche Amerika mag sich einen solchen Luxus erlauben können; im verarmten Europa kann man
mit dem Geld nicht so verschwenderisch umgehen, am allerwenigsten in dem durch die hohen Daweszahlungen ausgesogenen Deutschland. Ein Dreiminutengespräxch von Berlin oder Hamburg
oder Hamburg nach Neuyork würde rund dreihundertdreißig, nach Buenos Aires mindestens vierhundert Reichsmark kosten. Schon aber werden bedeutende Verbilligungen erwogen: ein
Gespräch Berlin-Neuyork soll “nur” noch zweihundertsieben Reichsmark kosten.
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Das Abrollen des Kabels
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Von wesentlich größerer Bedeutung wird daher bis auf weiteres zweifellos das alleuropäische Fernsprechnetz werden, von dem ein beträchtlicher Teil schon vorhanden ist und das
rasch seiner Vollendung entgegengeht. Deutschland kann gegenwärtig schon mit achtzehn anderen europäischen Ländern Telephongespräche führen, mehr als jedes
andere Land in Europa. Seitdem im Jahre 1920 die deutsche Reichspost das sogenannte Rheinlandkabel verlegt hat, das in einem einzigen Kabelstrang eine große Anzahl von
Fernsprechleitungen eine große Zahl von Fernsprechleitungen zwischen der Reichshauptstadt und den wichtigsten Städten des Rheinlandes und des Industriegebiet
vereinigt hat und zu allen Tageszeiten eine sehr schnelle Herstellung jeder gewünschten Verbindung gewährleistet, sind nicht nur in Deutschland, sondern auch in allen anderen
Ländern Mittel- und Westeuropas zum Teil auch Nordeuropas ähnliche unterirdische, mit Pupinspulen ausgestattete Fernkabel über weite Entfernungen verlegt worden. Die einzelnen
Länder haben untereinander Anschluß erhalten, und es ist jetzt bereits möglich in Europa Ferngespräche bis zu zweitausenvierhundertsechundfünfzig Kilometer
Entfernung noch dazu über´s Meer hinweg (Stockholm bis London), zu führen, während in Amerika, zwischen Neuyork und San Francisco ein Entfernungsrekord des Fernsprechers von
viertausendzweihundertsehs Kilometer gehalten wird. Daß für ein Dreiminutengespräch auf diese längsten Draht-Telephonstrecke der Welt volle 69,30 Reichsmark zu zahlen sind, stört die
Amerikaner nicht: Es finden dennoch täglich im Durchschnitt vierzehn Gespräche auf dieser Strecke statt.
In Deutschland gibt es zehn Hauptstrecken von Fernkabeln, von denen zahlreiche kleinere
Verzweigungen über das ganze Land ausgehen. Diese Hauptstrecken sind:
- Berlin - Hannover - Dortmund - Essen - Düsseldorf - Köln (Rheinlandkabel)
- Berlin - Lepzig - Frankfurt - Basel mit Zweig Dresden - Leipzig
- Berlin - Nürnberg - München mit Zweig Passau - Regensburg - Nürnberg
- Berlin - Breslau
- Berlin - Stettin - Danzig - Königsberg (zwischen Stolp und Danzig ein Seekabel zur
Umgehung des polnischen Korridors)
- Berlin - Hamburg - Kiel - Flensburg
- Nürnberg - Stuttgart - Karlsruhe
- Frankfurt a.M. - Kassel - Hannover
- Hannover - Bremen - Hamburg mit Zweig Emden - Bremen
- Bremen - Münster - Dortmund - Wesel
Seit dem Jahre 1921 sind in Deutschland jährlich zwölfhundert Kilometer Fernkabel mit
insgesamt etwa hundertfünfzigtausend Kilometer Fernsprech-Doppelleitungen verlegt worden. Nach Schweden wurde ein drittes Kabel verlegt. Die zurzeit längsten und meistgenutzten
deutschen Auslandsverbindungen sind die folgenden:
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Strecke
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Länge in Kilometern
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Zahl der täglichen Gespräche
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Berlin - London
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1353
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124
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Berlin - Paris
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1253
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133
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Berlin - Genf
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1162
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141
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Berlin - Stockholm
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1023
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103
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Berlin - Budapest
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1003
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87
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Innerhalb Deutschlands ist die weitaus am stärksten benutzte Strecke Berlin-Hamburg, auf der
täglich im Durchschnitt 2879 Ferngespräche geführt werden.
Aus unserer Übersichtskarte sind die wichtigsten, zu Ende des Jahres 1927 in Europa vorhanden
gewesen oder geplanten Fernkabelverbindungen zu ersehen. Zunächst ist also erst ein Gebiet in der Lage miteinander zu telephonieren, das im Süden bis nach Genf, im Südosten bis nach
Budapest im Osten bis nach Königsberg, im Norden bis nach Stockholm und Aberdeen, im Westen bis nach Dublin reicht. Fast in jedem Monat erweitert sich das Netz, und innerhalb
Jahresfrist dürften ziemlich sicher Norditalien, ein Teil der Balkanstaaten, Polen, Finnland und Norwegen hinzukommen. Auch andere Länder rüsten sich, Anteil zu gewinnen an dem neuen
Verkehrsfortschritt und wir gehen daher in der Tat mit Macht einem alleuropäischen Fernsprechnetz entgegen.
Zum Schluß wird vielleicht eine kurze Mitteilung über die “Telephonfreudigkeit” der einzelnen
Völker interessieren. In Europa sind die skandinavischen Länder weitaus am meisten mit dem Fernsprechen vertraut. Während in Deutschland im Jahresdurchschnitt 30 Gespräche auf jeden
Bewohner entfallen, in Großbritannien 22,5, in Frankreich 20, in Italien 9, bringt es Schweden auf 106, Norwegen auf 113, Dänemark gar auf 131 Gespräche je Kopf und Jahr. Freilich werden
auch diese Zahlen bedeutend überboten von den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo jeder Bewohner des 118-Millionenlandes im Jahre durchschnittlich 191 Gespräche am Telephon
führt. Fast zweidrittel aller Fernsprechstellen der Welt (62 Prozent) entfallen auf die Vereinigten Staaten. In Deutschland verfügen durchschnittlich 100 Einwohner über 4 Fernsprecher, in den
Vereinigten Staaten aber über 14, in Chicago alleine über 25, in San Francisco gar über 30, das heißt auf 3 Einwohner (auch Kinder eingerechnet) entfällt ein Telephon.
Dreizehn Städte der Welt verfügen über mehr als 100.000 Sprechstellen, nämlich Neuyorj
(1.315.568), Chicago, London, Berlin (392.172) Los Angeles, Paris, San Francisco, Toronto, Cincinnati, Hamburg-Altona (127.783), Montreal, Kopenhagen und Tokio. Insgesamt gobt es
über 26 Millionen Telephone in der Welt, und die Länge aller Telephondrähte beläuft sich auf 122,6 Millionen Kilometer; das sind ganz stattliche Zahlen.
Quelle: Das Neue Universum, Band 49, 1928
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